In einem Interview mit dem SPIEGEL hat sich der Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank-Jürgen Weise über die weitere Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt eher pessimistisch geäußert. Statt einen Job-Boom, wie ihn die Bundesregierung erwartet, sagt er keinen größeren Stellenzuwachs, dafür aber ein sinkendes Lohnniveau voraus.

Das klingt ja schon ganz anders als die Jubel-Meldungen der Bundesregierung, die gerade noch verkündet hat, dass die Löhne steigen und die Arbeitslosigkeit sinken soll. [1]

Weise ist da wesentlich pessimistischer. Er freut sich zwar darüber, dass sich in den letzten Jahren die Zahl der Stellen erhöht hat, führt dies aber u.a. darauf zurück, dass weniger Junge auf den Erwerbsmarkt kommen und mehr ältere Arbeitnehmer in Rente gehen. Außerdem gebe es den Trend von der Voll- zur Teilzeitstelle, die Zahl der Mini-Jobs steige auch weiter an. Gleichzeitig nehme auch die Zeitarbeit zu und die Zahl der unbefristeten Stellen ab. Insgesamt würde so die Arbeit auf mehr Menschen verteilt. Daher ist aber auch ein sinkendes Lohnniveau zu erwarten. [2]

Das senkt natürlich statistisch die Arbeitslosigkeit. Allerdings sind so auch immer mehr Menschen auf einen Zusatzjob oder staatliche Zuschüsse angewiesen. Für Weise ist aber ein Teilzeitjob immer noch besser als die Arbeitslosigkeit.

Bald wird diese Umverteilung der Arbeit und die Schaffung neuer Stellen aber auch an ihre Grenze stoßen. Lt. Weise können heute schon in bestimmten Bereichen nicht mehr alle Stellen besetzt werden, da es an qualifiziertem Personal fehlt. Auch werden die heutigen Langzeitarbeitslosen aufgrund unterschiedlicher Gründe (fehlender Schulabschluss, gesundheitliche oder psychische Probleme etc.) nach wie vor schwer zu vermitteln sein.

Ab dem 1. Mai 2011 werden Arbeitnehmer aus Osteuropa freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt haben. Weise befürchtet hier zwar keine übergroßen Zahlen an Zugängen außerhalb der Grenzregionen, sieht aber die neue Freizügigkeit bei den Dienstleistungen sehr kritisch. Deutsche Zeitarbeitsunternehmen sind dabei, Niederlassungen in osteuropäischen Ländern zu gründen und könnten dann bald ihre  Mitarbeiter zu den dortigen Tarifbedingungen in Deutschland einsetzen. Da könnten deutsche Unternehmer vom Lohn her nicht mehr mithalten, wodurch starke Verzerrungen im Markt zu befürchten sind.

Um eine daraus resultierende Abwärtsspirale bei den Löhnen zu vermeiden, könnte man z.B. einen Mindestlohn einführen.

Insgesamt sind das wesentlich pessimistischere (oder sollte man sagen: realistischere?) Töne vom Chef der Arbeitsagentur. Wenn man seine Aussagen genau analysiert, gibt er auch ganz offen zu, warum es statistisch zuletzt eine so positive Entwicklung am Arbeitsmarkt gegeben hat. Statistisch gesehen hat die Arbeitslosigkeit ab- und die Beschäftigung zugenommen. Unterm Strich gab es aber kaum mehr Arbeit sondern maximal die gleiche Arbeit auf mehr Menschen – und das zu real sinkenden Löhnen – zu verteilen.

Und das ist für die Zukunft auch nur im optimalsten Verlauf der Euro- und allgemeinen Finanz- und Schuldenkrise zu erwarten. Denn kommen von dort größere Belastungen auf uns zu, wird die Entwicklung nochmal wesentlich schlechter ausfallen. Es gibt also weder Grund zum Jubeln noch zur Entwarnung am deutschen Arbeitsmarkt.

Quellen:
[1]: Focus: Löhne sollen steigen, die Arbeitslosigkeit sinken
[2]: SPIEGEL: Arbeitsagentur-Chef prophezeit Schrumpflöhne


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